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O, wie so gerne, Jean Paul, pflück’ ich deine herrlichen Früchte, Hab’ ich glücklich den Zaun blühender Hecken passiert.
Grillparzer

Ich kann von ihm nichts sagen, als er ist ganz Herz und Geist; ein feinklingender Ton auf der Harfe der großen Goldharfe der Menschheit, auf der es so viel zersprungene Saiten und verstimmte Töne gibt.
Herder

Ein Stern ist untergegangen, und das Auge dieses Jahrhunderts wird sich schließen, bevor er wieder erscheint; denn in weiten Bahnen zieht der leuchtende Genius, und erst späte Enkel heißen freudig willkommen, von dem trauernde Väter einst weinend geschieden. Und eine Krone ist gefallen von dem Haupte eines Königs! Und ein Schwert ist gebrochen in der Hand eines Feldherrn; und ein Hoherpriester ist gestorben.
Börne auf den Tod Jean Pauls

Von Jean Paul: 
Es ist die gewöhnlichste und schädlichste Täuschung, daß man sich allezeit für den einzigen hält, der gewisse Dinge bemerkt.

Ein Plan macht ein Leben unterhaltend, man mag es lesen oder führen.

Man kann an derselben Person die Koketterie gegen jeden bemerken und doch ihre gegen sich übersehen, wie die Schöne dem Schmeichler glaubt, den sie für den ausgemachten Schmeichler aller anderen hält.

Die Besorgnis, falsch zu scheinen, macht, daß man es scheint. Daher sieht bei einem Argwöhnischen ein Aufrichtiger halb wie ein falscher aus.

Es ist leichter, eine übertriebene Achtung vorzuspiegeln, als eine wahre auszudrücken.

Verschweigen und Verstellen fließen leicht zusammen, und müssen nicht Tropfen in den festesten Charakter, sobald er immer unter der Traufe steht, endlich Narben graben?

Beim Abreisen hat kein Mensch Zeit, sich zu erbosen.

Der Furchtsame erschrickt vor der Gefahr, der Feige in ihr, der Mutige nach ihr.

Unter allen Dingen ist menschliche Bescheidenheit am leichtesten totgeräuchert oder totgeschwefelt, und manches Lob ist so schädlich als eine Verleumdung.

Manche Kühnheit des öffentlichen Handelns kommt den Zuschauern schwer und glänzend vor, bloß weil sie in der Ruhe sind, wie ein wildes Wetter dem unbeweglich, der aus der warmen, stillen Stube hinaussieht. Reist er selber draußen durch den Sturm, so fragt er, gerüstet und kämpfend, wenig danach.

Man lernt Verschwiegenheit am meisten unter Menschen, die keine haben, und Plauderhaftigkeit unter Verschwiegenen.

Einer, der viele Wohltaten empfangen, hört auf, sie zu zählen, und fängt an, sie zu wägen.

Jeder Schmeichler hat wieder seine Schmeichler; den Bandwurm halten wieder nadelförmige Würmchen besetzt.

Wenn jemand bescheiden bleibt, nicht beim Lob, sondern beim Tadel, dann ist er’s.

An einer Versuchung ist nichts so gefährlich als die Neuheit; die Menschen und die Pendeluhren gehen durchaus bloß in einerlei Temperatur am ruhigsten.

So verschieden die Fürsten sind, so sind doch die Höfe einander ähnlich und die Hofleute einander gleich.

Die Menschen erscheinen nie schlaffer, als wenn sie andere mit Worten trösten wollen; alles, was nur Gemeinheit, Widersprüche, Weichlichkeit und Schmeichelei eingeben, sprechen sie vor.

Nicht das Geschrei, sagt ein chinesischer Autor, sondern der Aufflug einer wilden Ente treibt die Herde zur Folge und zum Nachfliegen.

Unmoralische Verdienste werden an hohen Orten vor ihrer Geburt bezahlt, moralische nach derselben, das Umgekehrte geschieht gleich schwer.

Vor Großen muß man sich niemals tadeln; sie glauben zu leicht, man sage des Bösen zu wenig.

Tacitus sagt, man haßt den anderen, wenn man ihn beleidigt hat, aber gute Menschen lieben den andern oft bloß deswegen.

Man haßt am anderen nichts so sehr als einen neuen Fehler, den er erst nach Jahren zeigt.

Die meisten Narrheiten verübt man unter Leuten, nach denen man am wenigsten fragt.

Traue keinem, der in der geringsten Kleinigkeit seine Ehre im Stich läßt, und einer solchen Frau noch weniger.

Verzage nur nicht, wenn du einmal fehlst, und deine ganze Reue sei eine schöne Tat.

Man fragt den andern meistens um Rat, nicht weil man nicht weiß, was man tun soll, sondern weil man es eben weiß, aber ungern tut und vom Ratgeber eine Hilfe für die leidende Neigung erwartet.

Die moralische Verschlimmerung entspinnt sich zwar aus Geringfügigkeiten, aber nicht die Besserung.

Etwas erwarten ist oft ärger als etwas verlieren, zumal da diese Bewegung der Seele ungleich anderen geistigen und körperlichen Oszillationen, welche durch die Zeit zur Ruhe kommen, gerade durch diese in Schwung gerät.

Die Not ist die Mutter der Künste, aber auch die Großmutter der Laster.

Der Schlimme verachtet den Schlimmen noch mehr, als er den Guten haßt.

Man schiebt oft das Vergeben auf, weil man das Keifen aufzugeben gezwungen ist.

Der Entschluß drängt alle Schwierigkeiten und Entbehrungen auf einmal vor die Seele, die Ausführung aber stellt sie wieder auseinander und gibt uns erst das Interesse davon durch die sonderbare Freude, ohne die man’s bei tausend Dingen nicht ausdauerte, etwas unter seinen Händen täglich wachsen zu sehen.

Keine Entschlüsse sind so groß als die, die man mehr als einmal auszuführen hat. Daher ist Unterlassen schwerer als Unternehmen, denn jenes muß länger fortgesetzt werden, und dieses ist noch mit dem Gefühl einer doppelten Kraftäußerung verknüpft, einer psychologischen und einer moralischen.

Handlungen galten von jeher für die besten Fähren zum Herzen, für die echten Kernschüsse zur Brust, da Worte nur Bogenschüsse sind oder was man will. Einem einen Uhrschlüssel abkaufen oder sonst ein Kauf, das sperrt mehr am bedeckten Gehäuse eines Menschen auf als dreißig Dejeuneurs in einem Monate von einunddreißig Tagen.

Jede kühne Tat macht eine zweite nötig, sonst bringt sie Untergang, und eben das Ahnen und Ahnden dieser Notwendigkeit entkräftet die Menge, welche sonst wohl den größten Mut verspürte, ganz so zu handeln wie Cäsar oder wie Sokrates oder wie Friedrich II., aber nur einmal im Jahre oder im Leben.

Gesellschaft treibt das Alltagskind, das seine Funken nur an fremden Stößen gibt. Aber Einsamkeit zieht sich am besten über die erhabene Seele, wie ein öder Platz einen Palast erhebt; hier erzieht sie sich unter befreundeten Bildern und Träumen symmetrischer als unter ungleichartigen Nutzanwendungen.

Fern von Menschen wachsen Grundsätze, unter ihnen Handlungen. Einsame Untätigkeit reift außer der Glasglocke des Museums zur geselligen Tätigkeit, und unter den Menschen wird man nicht besser, wenn man nicht schon gut unter sie kommt.

Jeder ist den andern zugleich Sonne und Sonnenblume; er wird gewendet und wendet.

Die Menschen assoziieren sich wie die Ideen ebensooft nach der Gleichzeitigkeit als Ähnlichkeit, und aus der Wahl der Bekannten ist ebensowenig etwas auf den Charakter des Mannes zu schließen als auf einer Frau ihren aus der Wahl des Gatten.

Die Tugend der meisten Menschen ist nur ein Extrablatt und Gelegenheitsgedicht in ihrem Alltagleben.

Empfindlichkeit bessert sich mit den Jahren, Koketterie verschlimmert sich mit den Jahren. Man schätzt Menschen von einer gewissen zu großen Feinheit erst dann am meisten, wenn man von ihnen weg ist, unter Menschen von einer gewissen Grobheit.

Das Weltleben schleift alles Große am Menschen weg, wie das Wetter an Statuen und Leichensteinen gerade die erhabenen Teile wegnagt.

Im Weltleben sehen zwei Menschen ein, daß jeder das Mittel des anderen ist; aber jeder, und dies erwärmt beide etwas.

Feinheit der Denkungsart ist Anlage. Feinheit des Ausdrucks ist eine Frucht, wozu nicht gerade Hofgärtner nötig sind; aber Feinheit des äußeren Anstandes ist nirgends zu holen als da, wo sie alles gilt in der großen Welt voll Mikrokosmen.

Die feinen Leute geben ihren inneren Menschen wie ihren äußeren durch Mandelkleien und Nachthandschuhe weiche Hände, bloß um das Untere der Karten besser zu fühlen und niedliche halbe Daunenohrfeigen zu geben, aber nicht wie die Wundärzte, um damit Wunden zu handhaben.

Menschen von feinem Gefühl bezaubern durch eine gewisse zärtliche Aufmerksamkeit auf kleine Bedürfnisse des andern, durch ein Erraten seiner leisesten Wünsche, durch eine stete Aufopferung ihres Eigenen, durch Gefälligkeiten, deren seidenes Geflecht sich immer fester und sanfter um unser Herz herumlegt als das schneidende Lebensseil einer großen Wohltat.

Es gibt Menschen, die nur Nachrichten, ohne Interesse für den Inhalt erhetzen wollen, und Personalien ohne Realien, die alle großen Gelehrten, aber keine Gelehrsamkeit, alle großen Staatsmänner, aber keine Politik, alle Generale, ohne Liebe zum Kriege, zu kennen suchen, persönlich und schriftlich.

Nichts erkaltet mehr die edelsten Teile des inneren Menschen als Umgang mit Personen, an denen man keinen Anteil nehmen kann.

Die Weltleute behaupten ein gleiches Betragen, weil sie es nie nach fremden Verdiensten, sondern nach eigenen Absichten abformen.

Eine Verleumdung macht, daß man wenigstens jede Handlung um ihren Paß befragt, man tut’s bloß, um die Verleumdung recht augenscheinlich zu widerlegen, und da oft die unschuldigste keinen Gesundheitspaß hat, so schüttelt man den Kopf und sagt: Es ist wahre Verleumdung, aber aufpassen will ich doch.

Unter den Menschen und Borsdorfer Äpfeln sind nicht die glatten die besten, sondern die rauhen mit einigen Warzen.

Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er, wo nicht Verstand, doch eine Frau.

Jeder hat zwei Masken, die allgemeine und die persönliche. Übrigens werden die Farben, die auf den wissenschaftlichen, feinen und menschenliebenden Anstrich des Äußern verbraucht werden, notwendig von innen abgekratzt, aber zum Vorteil, da am Innern nicht viel ist, und das Studium des Scheins verringert das Sein; so sah ich oft im Walde Hasen liegen, an denen kein Lot Fleisch war und kein Tropfen Fett, weil alles von dem ungeheuren Hasenpelz weggesogen war, der nach dem Tod fortgewachsen.

Ein Künstling ist ein Shakespeare und Dichter, der hinter den Personen, die er agieren und reden läßt, nicht selber vorguckt und vorhustet, sondern der ein Bauchredner ist, welcher seiner Stimme den Klang einer fremden gibt.

Über Veränderliche regiert am besten der Unveränderliche.

Recht gewöhnliche und doch befriedigende Unterhaltung ist allgemein unter den Menschen die, daß einer das sagt, was der andere schon weiß, worauf dieser aber etwas versetzt, was jener auch weiß, so daß er sich zweimal hört, gleichsam ein geistiger Doppelgänger.

Ein Arzt sei noch so delikat im Ausdruck, er ist’s doch nur für Ärzte.

Unter Personen von einer gewissen Feinheit wird leicht alles zur Anspielung. Wohlwollen ist ihnen daher unentbehrlich, damit sie an keine andere Anspielung als an gute glauben.

Wenn sich jemand versteckt erklärt, so ist nichts unhöflicher als eine neue Frage.

Die Großen verwechseln oft die Wirkung ihrer Zimmer und Möbel mit ihrer eigenen. Wenn sie der Gelehrte auf einem Rain, in einem Walde, an einem Krautfelde überfallen könnte, er wüßte sich zu benehmen.

Viele Witzköpfe an einer Tafel, heißt das nicht mehrere herrliche Weine in ein Glas zusammengießen?

Die weiblichen Verdienste werden verächtlicher als die männlichen, weil jene öfters aus Schwäche, diese öfters aus Stärke kommen.

Frauen, was soll ich weiter sagen, als daß ihr, sobald ihr gut seid, es im höchsten Grad seid und daß ihr und das englische Zinn einerlei Stempel habt, nämlich die Figur eines Engels.

Die Frauen haben weniger Wallungen und weniger Überwallungen als wir Männer.

Die Frauen und sanfte Leute sind nur zaghaft in eigenen Gefahren und herzhaft in fremden, wenn sie retten sollen.

Die Frauen erraten so leicht, weil sie sich immer nur erraten lassen, und ergänzen und verbergen jede Hälfte mit gleichem Glück.

Die Frauen sind gut und Anhänger des Linné, und ihre Augen ordnen die Männer botanisch nach einem schönen, einfachen Sexualsystem; sie machen unter tugendhafter und lasterhafter Liebe einen großen Unterschied; nämlich den des Grades oder auch der Zeit, und die Beste spricht oft darüber wie die Schlimmste, und die Schlimmste wie die Beste.

Die Frauen sehen nur darauf, daß man sich bei ihnen entschuldigt, nicht wie.

Die Frauen lieben die Stärke, ohne sie nachzuahmen, die Männer die Zartheit, ohne sie zu erwidern.

Die Frauen spielen auf der Bühne die Rolle der An- und Verstellung viel besser als die der Aufrichtigkeit, denn jene ist die Rolle in der Rolle, diese nur Rolle. Doch oft scheinen sie sich uns vorher verstellt zu haben, bloß weil sie sich nachher zu schnell veränderten, ja meistens wird selber das Verstellen Verändern und Schein sein.

Es gibt weibliche Wesen, die nichts so gern haben als Mitleid mit fremden Leuten, besonders mit weiblichen. Sie wünschen ordentlich recht viel mitzuleiden und suchen Freundinnen gerade in der Not am liebsten, ja sie wecken durch Mitteilen fremde Seelen zu gleicher Teilnahme und finden wahren Genuß in fremden Tränen; denn so viel vermag die Tugend durch Übung, so wie etwa der Zaunkönig nie lustiger singt und springt als vor Regenwetter.

Die männliche Blödigkeit liegt bloß in der Erziehung und in Verhältnissen; die weibliche tief in der Natur; der Mann hat innerlichen Mut und bloß oft äußerliche Unbehilflichkeit, die Frau hat diese nicht und ist dennoch scheu. Jener drückt seine Ehrfurcht durch Hinzutreten, diese durch Zurückweichen aus.

Jede Frau ist feiner als ihr Stand. Sie gewinnt mehr durch die Kultur als ihr Mann. Die weiblichen Engel, aber auch die weiblichen Teufel halten sich nur in den höchsten, feinsten Menschenschubfächern auf; es sind Schmetterlinge, an denen der Samtfittich zwischen zwei rohen Mannsfingern zum nackten, häutigen Lappen wird; es sind Tulpen, deren Farbenblätter ein einziger Griff des Schicksals zu einem schmutzigen Leder ausdrückt.

Egoisten wissen ziemlich, daß sie es sind, aber Egoistinnen nicht, so wie weibliche Seelen, deren Leben sich um die Himmelsachse der höchsten uneigennützigen Liebe bewegt, wenig von dieser wissen. Der männliche Egoismus will mehr verachten, der weibliche mehr hassen, denn da der letztere seine Liebe bloß nach seinem Fordern fremder abmißt, so glaubt er sogleich desto mehr zu lieben, je mehr er haßt, nämlich entbehrt.

Die schöne weibliche Blüte sucht wie die Biene nichts als Blüte und Blume, aber die rohe sucht wie die Wespe nur Früchte.

Willst du die Mängel deiner guten künftigen Frau leicht voraus wissen, so gib nur auf diejenigen acht, welche der Braut von den Eltern oder Geschwistern oft nur leise und lächelnd vorgeworfen werden. Diese folgen ihr als die gewisseste Mitgabe, nur werden sich die grünen Spitzen der Rosenknospe, welche dich jetzt angenehm reizen und ritzen, in der Ehe zu einer Dornenkrone und einem Distelköpfchen härten und runden. Die Wölkchen, die am Morgen die Sonne rot schmückten, hüllen sie am Tage in Grau zu.

Nichts ist charakteristischer als der weibliche Gang, zumal wenn er beschleunigt werden soll.

Das männliche Geschlecht ist glücklicher und neidloser als das weibliche, weil jenes imstande ist, zweierlei Schönheit mit ganzer Seele zu fassen, männliche und weibliche, hingegen die Frauen lieben nur die eines fremden Geschlechtes.

Tanzen ist der weiblichen Welt das, was Spielen der großen ist, eine schöne Vakanzzeit der Zungen, die oft unbeholfen, oft gefährlich sind.

Gewiß bleibt’s, daß nicht die weiblichen Laster, sondern die weiblichen Launen so viel Pferdestaub und Dornen in das Ehelager säen, daß oft der Satan darauf liegen möchte.

Vor wem das liebevolle, zugedrückte Herz einer guten Frau aufginge, wieviel bekämpfte Zärtlichkeit, verhüllte Aufopferungen und stumme Tugenden würde er darin ruhen sehen!

Wenn ein Mädchen anfängt: eine schöne, weibliche Seele, so laufe ich gern davon; denn sie besieht sich mit. Herzen hat jedes ohnehin so viel aufzumachen und zu verschenken als ein Fürst Dosen, und beide enthalten das Bildnis des Gebers, nicht des Empfängers.

Es wird einem Mann überhaupt bei einer vernünftigen Frau nie recht wohl, sondern bei einer bloß feinen, phantasierenden, heißen, launenhaften ist er erst zu Hause.

Zwei Dinge vergißt ein Mädchen am leichtesten: erstens wie sie aussieht, daher die Spiegel erfunden wurden, und zweitens, worin sich »das« von »daß« unterscheidet.

Mädchen voll Liebe werden oft scheintot wie die Pferde englischer Bereiter oder wie belastete Raupen, die sogleich erhärten.

Die Tugend mancher Damen ist ein Donnerhaus, das der elektrische Funke der Liebe zerschlägt und das man wieder zusammenstellt für neue Experimente.

Die Mädchen wissen nicht, wie sehr sie Geschäftigkeit verschönert, wie sehr an ihnen und den Taubenhälsen das Gefieder nur schillert und spielet, wenn sie sich bewegen, und wie sehr wir Männer den Raubtieren gleichen, die keine Beute haben wollen, die still ruht.

Die weiblichen Fehler, besonders Launen und Empfindelei, sind Astlöcher, die am grünen Holze bis in die Flitterwochen als schöne, marmorierte Kreise gefallen; die aber am dürren, am ehelichen Hausrat, wenn der Zapfen ausgedörrt, als fatale Löcher aufklaffen.

Die Liebe ist das einzige, was das Herz des Menschen bis an den Rand vollgießt, wiewohl mit einem bald einsinkenden Nektarschaum. Sie ist wie die Krebse in den Monaten ohne r am schönsten.

Der Liebe ist eine Hand mehr als ein Arm, wie ein Blick mehr als ein Auge.

Freilich ist Achtung die Mutter der Liebe, aber die Tochter wird oft einige Jahre älter als die Mutter.

Wie die Römer ihre Monarchen lieber für Götter als für Herren erkannten, so wollen die Männer die Direktrice ihres Herzens lieber ihre Göttin als ihre Herrin nennen, weil es leichter ist anzubeten als zu gehorchen.

Man schweigt zweimal in der Liebe, das erstemal aus Furcht, das zweitemal aus Vertrauen, das eine Mal im stummen Vorfrühling des Herzens, wo die Blicke noch zu laute Worte sind und wo jede Seele in ihrem dunklen Laub für die andere reift; das andere Mal im Nachsommer des Herzens, wo zwei vertrauende Menschen schweigend, erinnernd und genießend auf der erreichten stillen Höhe nebeneinander stehen, wie man im Frühling auf einem hohen Gebirge die Sonne über die glänzende Ebene aufgehen sieht, aber das Morgengeschrei der Vögel, die darin und darüber schweben, oben nicht vernimmt.

Die Universalliebe ist ein ungegliederter Fausthandschuh, in den, weil keine Verschläge die vier Finger trennen, jede Hand leicht hineinfährt, in die Partialliebe oder in den Fingerhandschuh drängt sich nur eine einzige Hand.

Eine Bitte tun, heißt in der Liebe mehr geben als eine erhören.

Wer kann es sagen, warum der Druck einer geliebten Hand mehr innige Zaubereien in die Seele sendet als dieser ein Kuß, wenn nicht etwa die Einfachheit, Unschuld, Festigkeit des Zeichens es tut?

Kenner sagen, jedes Geheimnis, das man einer Schönen sage, sei ein Heftpflaster, das mit ihr zusammenleime und das oft ein zartes Geheimnis gebäre.

Frauen sprechen lieber von als in der Liebe; Männer umgekehrt.

Das Bedürfnis zu lieben, zwingt zu größeren Torheiten als die Liebe selbst.

Die Entbehrungen und Schmerzen der Liebe sind eben selbst Erfüllungen und Freuden und geben Trost und brauchen keinen, so wie die Sonnenwolken eben das Leuchten der Sonne erzeugen und die Erdenwolken vertreiben.

Ach, welche warme Seele sprach nicht einmal die Bitte der Liebe vergeblich aus und konnte dann, gelähmt von erkaltendem Gifte, gleich andern Vergifteten, die schwere Zunge und das schwere Herz nicht mehr bewegen? Aber lieber fort, du warme Seele, gleich Frühlingsblumen, gleich Nachtschmetterlingen durchbricht die zarte Liebe doch zuletzt den hochgefrorenen Boden, und jedes Herz, das nicht anderes verlangt als ein Herz, findet endlich seine Brust.

In der höheren Liebe ist der Zorn nur Trauer über den Gegenstand.

Nur in den Minuten des Wiedersehens und der Trennung wissen es die Menschen, welche Fülle der Liebe ihr Busen verberge, und nur darin wagen sie es, der Liebe eine zitternde Zunge und ein überfließendes Auge zu geben, wie Memnons Statue nur tönte und bebte, wenn die Sonne kam und wenn sie unterging, am Tag aber bloß warm von ihren Strahlen wurde.

Ein Herz voll Liebe kann alles verzeihen, sogar Härte gegen sich, aber nicht Härte gegen andere; denn jene zu verzeihen ist Verdienst, diese Mitschuld.

Nichts befriedigt die liebende Seele, als was sie mit der geliebten teilt.

Die höchste Liebe kennt nur ja und nein, keinen Mittelstand, kein Fegfeuer, nur Himmel und Hölle, und doch hat sie das Unglück, daß sie Geburten der Stimmung und des Zufalls, die nur zu Vorhimmel und Vorhölle führen sollten, zu Pförtnerinnen von Himmels- und Höllentoren macht.

O ihr armen, egoistischen Menschen, dieses Polarleben ist ohnehin so kalt und kahl, wir stehen ohnehin Wochen und Jahre nebeneinander, ohne mit dem Herzen etwas Besseres zu bewegen als unser Blut; bloß ein paar glühende Augenblicke zischen und erlöschen auf dem Eisfelde des Lebens; warum meidet ihr doch alles, was euch aus der Alltäglichkeit zieht und was euch erinnert, wie man liebt.

Der edelste Mensch hängt am meisten von liebenden Seelen ab oder von seinen Idealen derselben, mit denen er aber nur insofern ausreicht, als er sie für Pfänder künftiger Originale ansieht.

Wenn der Mensch nichts mehr zu lieben hat, so umfaßt er das Grabmal seiner Liebe, und der Schmerz wird seine Geliebte. Vergebt einander den kurzen Wahnsinn der Klage; denn unter allen Schwächen des Menschen ist das die unschuldigste, wenn er, anstatt gleich dem Zugvogel sich über den Winter zu erheben und in heitere Zonen zu fliegen, gleich andern Vögeln vor diesem Winter niedersinkt und dumpf in seinem kalten Grabe erstarrt.

In zwei Körpern stehen, wie auf zwei Hügel getrennt, alle liebenden Seelen der Erde; eine Wüste liegt zwischen ihnen, wie zwischen Sonnensystemen; sie sehen einander hinübersprechen durch ferne Zeichen, sie hören endlich die Stimmen über die Hügel herüber, aber sie berühren sich nie, und jede umschlingt nur ihren Gedanken, und doch zerstäubt diese arme Liebe wie ein alter Leichnam, wenn sie gezeigt wird; und ihre Flamme zerflattert wie eine Begräbnislampe, wenn sie aufgeschlossen wird.

Die Freundschaft kann Vorzüge begehren, aber die Menschen lieben bloß Menschengestalt. Daher haben wir eben alle so eine kalte, eine so wechselnde Menschenliebe, weil wir den Wert der Menschen mit ihrem Rechte vermengen und nichts an ihnen lieben wollen als Tugend.

In der Freundschaft sind große Opfer leichter als kleine; man opfert ihr lieber das Leben als eine Stunde auf, lieber das Immobiliarvermögen als eine kleine, unangenehme Unart. Die Ursache ist: große Aufopferungen macht der Enthusiasmus, kleine die Vernunft.

Weibliche Freundschaft ist zwar seltener als unsere, aber dann auch zarter. Unsere grenzt nicht so nahe an Liebe – da wir einander im Widerschein der Taten lieben – als die weibliche, da die Freundin von der Freundin wie vom Liebhaber weniger die Beweise als die Äußerungen der Liebe begehrt und die Liebe fast nur fordert, um eine zu fühlen und zu erwidern.

Nichts ist komischer als ein paar Paare Verliebter; noch mehr wäre es ein ganzer rechter und linker Flügel, der seufzend einander gegenüberstände; hingegen eine ganze Landsmannschaft von Freunden sähe nur desto edler aus.

Wenn mancher von kleinen Beleidigungen der Freundschaft zu tief getroffen wird, so ist daran bloß eine hassende Denkungsart über alle Menschen schuld, die ihn damit in jedem einzelnen Fall ergreift und diesen zum Spiegel des Ganzen macht.

Zürnt dein Freund mit dir, so verschaffe ihm eine Gelegenheit, dir einen großen Gefallen zu erweisen; darüber muß sein Herz zerfließen, und er wird dich wieder lieben.

Wenn es bitter ist, neben dem Bette zu stehen, in dem ein geliebtes erlöschendes Angesicht mit den Farben des Todes liegt, so ist es noch viel bitterer, mitten in den Szenen der Gesundheit hinter der aufgerichteten teuren Gestalt den arbeitenden Tod zu hören und so oft zu denken, als die Gestalt fröhlich ist, sei noch fröhlicher; in kurzem hat er dich umgenagt, und du bist vergangen mit seinen Freuden und meinen. Ach, es gibt ja keinen Freund und keine Freundin, bei denen wir das nicht denken müßten.

Die Freude ist der Sommer, der die inneren Früchte färbt und schmilzt. Die Blüte trägt und gibt nicht nur künftige Früchte, sondern auch gegenwärtigen Honigsaft; man darf ihr diesen nehmen und schadet jenen nicht.

Die Blumen der Freude werden leider meistens aus Samt, Eisendraht und dem Formeisen gemacht.

Der Mensch dürstet am größten Freudenbecher nach einem größern und zuletzt nach Fässern.

Bettet doch alte Menschen weich und warm und lasset sie recht genießen; denn weiter vermögen sie nichts mehr; und beschert ihnen gerade im Lebensdezember und in ihren längsten Nächten Weihnachtsfeiertage und Christbäume; sie sind ja auch Kinder, ja zurückwachsende.

Eine neue Lage ist eine Frühlingskur für unser Herz und nimmt das ängstliche Gefühl unserer Vergänglichkeit aus ihm.

Wahrhaftig, der Mensch hat sich fast ebensoviel vorzuwerfen, wenn er mißvergnügt als wenn er lasterhaft ist; und da es auf seinen Gedankenozean ankommt, ob er aus ihm die unterste Hölle oder den dritten Himmel als Insel haben will, so verdient er alles, was er erschafft.

Die höchste Entrückung macht ernst wie ein Schmerz, und der Mensch ist in ihr eine stille Scheinleiche mit blassem Gesicht, aber immer voll überirdischer Träume.

Wenn dumpfe, namenlose Schmerzen sich ans Herz legen, so gib ihnen größere Stacheln, damit sie es tiefer ritzen; denn das wegfließende Blut macht den Busen leichter, so wie ein kleiner Riß einer Glocke einen dumpfen Ton nachläßt, bis ihr ein weiter den hellen wieder verschafft.

Die Leiden sind wie die Gewitterwolken, in der Ferne sehen sie schwarz aus, über uns kaum grau.

Dichterische Menschen, die immer die Flügel der Phantasie aufspannen, werden wie die Lerchen wegen ihrer ausgespreizten Flügel in Netzen festgehalten, die die weitesten Maschen haben, wodurch sonst ein glatter Vogelkörper glitte.

Wenn man beim Stich der Biene oder des Schicksals nicht stillhält, so reißt der Stachel ab und bleibt zurück.

Wenn das, was du liebtest, lange verschwunden ist aus der Erde oder deiner Phantasie, so wird dir in Trauerstunden die geliebte Stimme wiederkommen und alle deine alten Tränen mitbringen und das trostlose Herz, das sie vergossen hat.

Das ist die höchste Totentrauer in einem Menschen, und sein Leben ist ein ewiges Leichenbegängnis, wenn er sich nach einem gekränkten, verwundeten Wesen trostlos sehnen muß, womit der geflügelte Tod in die Erde entfloh, ehe er bitten konnte: Vergib mir, und ehe er sagen konnte: Ich habe dir wehe getan, aber ich habe dich doch geliebt.

Für welche schöne Seele war nicht die Zukunft ein Eisberg, auf dem sie in der Ferne warmes Abendrot und spielende Tulpenfarben liegen sah und an dem sie in der bleichen Nähe erstarrte.

Das Schicksal gibt den Menschen oft den Wundbalsam früher als die Wunde.

Niemand wird tiefer traurig, als wer immer lächelt, denn hört einmal dieses Lächeln auf, so hat alles über die zergangene Seele Gewalt, und ein sinnloser Wiegengesang, ein Flötenkonzert, dessen Dis- und Fisklappen und Ansätze bloß zwei Lippen sind, reißt die alten Tränen los, wie ein geringer Laut die wankende Lawine.

Gedanken, die der Tag zu einem dunklen Rauch und Nebel macht, stehen in der Nacht als Flammen und Lichter um uns, wie die Säule, die über dem Vesuv schwebt, am Tag eine Wolkensäule scheint und zu Nacht eine Feuersäule ist.

Ruhe, du sanftes Wort, Herbstflor aus Eden, Mondschein des Geistes! Ruhe der Seele, warum hältst du unser Haupt, daß es stilliegt, und unser Herz, daß es nicht klopfe? Ach, ehe jenes bleich und dieses starr ist, kommst du oft und gehst du oft, und nur unten bei dem Schlafe und bei dem Tode bleibst du, indes die Stürme die Menschen mit den größten Flügeln gleich Paradiesvögeln am meisten herumwerfen.

Wenn der Mensch von der Vernunft keine balsamischen Mittel erlangen kann, so fleht er die Hoffnung und die Täuschung darum an, und beide zerteilen dann gern den Schmerz.

Die Leidenschaften sind doch wenigstens kecke, großmütige, obwohl zerreißende Löwen; der Egoismus aber ist eine stille, sich einbeißende, fortzeugende Wanze. Der Mensch hat zwei Herzkammern, in der einen sein Ich, in der andern das fremde, die er lieber aber leer stehen läßt als falsch besetzt. Der Egoist hat, wie Würmer und Insekten, nur eine.

Die Leidenschaft macht die besten Beobachtungen und die elendesten Schlüsse. Sie ist ein Fernrohr, dessen Feld desto heller ist, je enger es ist.

Ein Mensch ohne Leidenschaft wäre noch ein größerer Egoist als einer mit heftigen.

Der Dichter wird, wo er gleich Leidenschaft malt, doch diese am besten in dem Alter treffen, wo sie kleiner sind, so wie Brennspiegel gerade in den Sommern, wo die Sonne am wenigsten brannte, am stärksten wirkten und in den heißen am wenigsten. Die Blumen der Poesie gleichen anderen Blumen, die im gedämpften, benebelten Sonnenlicht am besten wachsen.

Die Stärke der Gefühle wird leicht mit der Rechtmäßigkeit derselben verwechselt.

Wer nicht zuweilen zu viel und zu weich empfindet, der empfindet gewiß immer zu wenig.

Ich möchte doch wissen, ob Glücklichsein durch Leidenschaften etwas anderes heiße als sich wärmen durch ein Brennglas.

Das Bitterste, womit uns Beleidigungen ergreifen, ist, daß sie uns zu hassen nötigen.
Was wir aus Menschenliebe vorhaben, würden wir allemal erreichen, wenn wir keinen Eigennutz einmischten.

Der größte Haß ist wie die größte Tugend und die schlimmsten Hunde still.

Wenn wir uns recht fragen, so erzürnt uns nie der Stolz selber, sondern nur sein Mangel an Grund; daher kann uns oft Demut ebensowohl quälen; daher ist unser Haß des Stolzes kein Neid der Vorzüge; denn indem wir allezeit größere über uns anerkennen und nur gestohlene, vorgespiegelte hassen, ist unser Haß nicht Liebe gegen uns, sondern eine gegen die Gerechtigkeit.

Die Gesundheit des Herzens entfernt sich gleichweit von den hysterischen Zuckungen und von phlegmatischer Agonie, und die Entzückung grenzt näher an den Schmerz als die Ruhe. Aber keine Ruhe und Kälte ist etwas wert als die erworbene; der Mensch muß der Leidenschaft zugleich fähig und mächtig sein; die Überströmungen des Willens gleichen jenen der Flüsse, die alle Brunnen eine Zeitlang verunreinigen; nehmt ihr aber die Flüsse weg, so sind die Brunnen auch fort.

Die meisten verwechseln ihre Eitelkeit mit ihrer Ehrliebe und geben Wunder der einen für Wunder der andern aus und umgekehrt.

Der blödsinnigste Mensch ist, wenn viel Phantasie unter seinen Taten glimmt, der herzhafteste, wenn sie emporlodert.

Wenn Selbstkenntnis der Weg zur Tugend ist, so ist Tugend noch mehr der Weg zur Selbstkenntnis. Eine gebesserte, gereinigte Seele wird von der kleinsten moralischen Giftart wie gewisse Edelsteine von jeder andern trübe, und jetzt nach der Besserung merkt sie erst, wieviel Unreinigkeiten sich noch in allen Winkeln aufhalten.

Das tugendhafte Herz wird, wie der Körper, mehr durch die Arbeit als durch gute Nahrung gesund und stark.

Wenn man sich einmal vorgesetzt hat, sich kalt zu stellen, so wird man es noch mehr, wenn man Ursachen findet, es nicht zu werden.

Man ist nie kälter als nach großer Wärme, so wie Wasser nach dem Kochen eine größere Kälte annimmt, als es vorher hatte. Liebe, Rausch und zuweilen die aus dem Anblick der Natur getrunkene Begeisterung machen uns gegen unsere Lieblinge zu gut und gegen unsere Antipoden zu hart.

Male dir an jedem Morgen die ungefähren Leidenschaften vor, worein du am Tage kommen kannst; du beträgst dich dann besser; denn man ist selten in einer wiederholten Situation zum zweiten Male schlecht.

Stelle keinem, sobald deine Brust den Seitenstich des Zornes befürchten muß, beredt seinen Fehler vor; denn indem du ihn von seiner Sträflichkeit überreden willst, überredest du dich selber davon und wirst erbost.

Fange deine Herzenskultur nicht mit dem Anbau der edlen Triebe, sondern mit dem Ausschneiden der schlechten an. Ist einmal das Unkraut verwelkt oder ausgezogen, dann richtet sich der edlere Blumenflor von selbst kräftig in die Höhe.

Mache dich durch Stoizismus (oder wodurch du kannst) nur ruhig; dann hast du wenig Mühe, dich auch tugendhaft zu machen.

Der Mensch ist nie so schön, als wenn er Verzeihung erbittet oder selbst verzeiht.

Schönheit und Tugend zanken und lieben sich wie ein paar Schwestern, und doch geben sie einander ihren Putz.

Jeder begehrt von andern Gerechtigkeit und dann noch ein wenig Nachsicht dazu; ei gut, so geb er andern auch beides.

Nichts bewegt den Menschen mehr als der Anblick einer Versöhnung. Unsere Schwachen werden nicht zu kostbar in den Stunden ihrer Vergebung erkauft, und der Engel, der keinen Zorn empfände, müßte den Menschen beneiden, der ihn überwindet. Wenn du vergibst, so ist der Mensch, der in dein Herz Wunden macht, der Seewurm, der die Muschelschale zerlöchert, welche die Öffnungen mit Perlen verschließt.

Kein Mensch hat ganz unrecht und keiner ganz recht, und wer vergibt, dem wird zugleich vergeben, und umgekehrt. So teilen zwei Menschen, die sich versöhnen, immer die Freude der Verzeihung und die Freude der reinen und größeren Liebe miteinander.

Der Mensch schiebt oft darum die Schuld lieber auf sich als auf andere, weil es ihm leichter ist, sich zu vergeben als andern.

Ein einziger guter Vorsatz bettet und lüftet das scharfe Siechbett und Krankensofa eines zerrissenen Lebens.

Das Laster behauptet das Schlachtfeld, aber die Tugend die elysischen Felder.

Zuversicht auf Menschen und auf Gott ist die letzte und schwerste Tugend.

Die größten Bösewichter sind einander am unkenntlichsten, hohe Menschen einander in der ersten Stunde kenntlich.

Ein Mensch, den die Sonnennähe eines großen Menschen nicht in Flammen und außer sich bringt, ist nichts wert.

Die Erde wird bloß von Menschen verändert, die nicht von ihr verändert werden.

Nur die Lerchen steigen, wie der Mensch, schmetternd in die Höhe, um dann, wie er, schweigend in die Furche zurückzufallen, anstatt daß die große Seele und das Meer sich ungehört und ungesehen in den Himmel erheben und rauschend und erhaben und befruchtend in Wasserfallen und Gebirgsgüssen auf die Erde niederstürzen.

Entweder große Menschen oder große Zwecke muß der Mensch haben; sonst vergehen seine Kräfte wie dem Magnet die seinigen, wenn er lange nicht nach den rechten Weltecken gelegen hat.

Im Räume wirken große Männer selten einträchtig und gemeinschaftlich, aber in den Zeiten reichen sich alle die Hände aus der hohen Geisterwelt herunter zu einem Bau.

Von großen Menschen sollte eine gewisse Milde, Bescheidenheit und eine auf Geringfügigkeiten merkende Menschenliebe – und dieses ist eigentlich die Höflichkeit – noch seltener geschieden sein als von mittelmäßigen, wie Leuten von langer Statur durch ihre abgebrochenen, eckigen und mißfälligen Bewegungen das Tanzen nötiger wird als Zwergen. Jene Menschenfreundlichkeit ist die Mosesdecke über dem strahlenden Angesicht; eine Art Menschenwerdung, die uns an ihnen so erquickend tut wie mir in meiner Jugend an der Sonne das ihr eingemalte Menschengesicht im Kalender.

Es gibt Wahrheiten, von denen man hofft, große Menschen werden von ihnen stärker überzeugt sein, als man es selber sein kann; und man will daher durch ihre Überzeugung die seinige ergänzen.

Wer der Weisheit die Gesundheit opfert, hat meistens auch die Weisheit mitgeopfert.

Nicht Kälte, sondern Abkühlung ist die beste Weisheit; und unser innerer Mensch soll, wie ein heißer Metallguß in seiner Form, nur langsam erkalten, damit er sich zu einer glatteren Gestalt abrunde; eben darum hat ihn die Natur, wie man bei Metallen die Form erwärmt, in einen heißen Körper gegossen.

Die Philosophie wäre jämmerlich, die von den Menschen nichts forderte, als was diese bisher ohne Philosophie leisteten. Wir müssen die Wirklichkeit dem Ideal, aber nicht dieses jener anpassen.

Jede physische Unordnung ist nur die Hilfe einer Ordnung, jeder trübe Frühling die Hilfe eines heiteren Herbstes. Der Skeptizismus, der uns statt hartgläubig ungläubig macht, und statt der Augen das Licht reinigen will, wird zum Unsinn und zur fürchterlichsten philosophischen Lethargie.

Nichts verlängert den Tanzplatz des Witzes so sehr, als wenn eigene Meinungen und Wahrheitsliebe darin als feste, dicke Säulen stehen.

Gewisse Schönheiten wie gewisse Wahrheiten – wir Sterbliche halten beide noch für zweierlei – zu erblicken, muß man das Herz ebenso ausgeweitet haben als den Kopf.

Es gibt keine großen Begebenheiten aus kleinen Ursachen, sondern nur große aus einer Million kleiner Ursachen, wovon man immer die letzte für die Mutter der großen Geburt ausgibt. Ist denn das Zündpulver die Ladung des Geschosses?

Eine Satire über alles ist gar keine, sondern Unsinn, weil jede Verachtung etwas Geachtetes als Maßstab, jedes Tal einen Berg voraussetzt.

Die wilden Eingriffe in das Zifferrad der Zeit, das tausend kleine Räder drehen, verrücken es mehr, als sie es beschleunigen; oft brechen sie ihm Zähne ab. Hänge dich ans Gewicht des Uhrwerkes, das alle Räder treibt, d. h. sei weise und tugendhaft, dann bist du groß und unschuldig zugleich, und du baust an der Stadt Gottes ohne den Mörtel des Blutes, ohne die Quadern der Totenköpfe.

Aufklärung in einem leeren Herzen ist bloß Gedächtniswerk, sie strenge übrigens den Scharfsinn noch so sehr an; die meisten Menschen unserer Tage gleichen den neuen Häusern in Potsdam, in die nach Reichard Friedrich II. zu Nacht Lichter setzen ließ, damit jeder und selbst Reichard denken solle, sie seien bewohnt.

Gewisse Wahrheiten können nicht wie die Gemälde samt den Mauern in Italien aus einem Kopfe in den andern transportiert werden; das Licht, das dir der andere geben kann, zeigt aber nicht das Ameublement deines Innern, und das, was das Licht bei einigen wirklich erschafft, ist Lufterscheinung, optischer Betrug, aber kein Körper. Daher kommt es nicht auf das Zeigen und Ersehen einer Wahrheit, d. h. eines Gegenstandes an, sondern auf die Wirkungen, die er auf dein ganzes Innere macht.

Ein wohltätiger Kopf leuchtet für die Nachwelt sanfter und wohltätiger als für seine Mitwelt, Menschen, die an dem Vesuv der Freiheit und des Lichts schnell an dem zurückrollenden Boden auflaufen, stoßen denen die losen Steine auf den Kopf, die hinter ihnen klettern.

Was für die Zeit erzogen wird, wird schlechter als die Zeit.

Lustigkeit macht alle wissenschaftlichen Felder zu Zuckerfeldern.

Leider ist für einen jungen Menschen das erste System, das wenigstens auf so viele dunkle Fragen seiner Brust antwortet, immer despotisch; er müßte ein zweites bei sich führen, um das erste abzuwehren.

Sonderbar ist’s, daß die Eltern ihre Töchter Dinge mit allem Gefühl singen lassen, die sie ihnen nicht erlaubten vorzulesen.

Vom Genie zieht sich der Theorienmann die Regel ab, um sie ihm wieder zu geben; der Ausschreier des Gesetzes hält sich für den Gesetzgeber, aber das Genie wird stets besser richten als gerichtet werden; denn um andere in den Adelstand zu erheben, muß man selber darin sein. Aber in unserer Literatur hält man oft das Erhobene für das Erhabene.

Schlechte Schriftsteller sollte man vor, große nach ihren Büchern kennenlernen, um jenen mehr die Bücher, diese mehr den Büchern zu vergeben.

Einige kritische Philosophen haben jetzt aus der Algebra eine mathematische Methode entlehnt, ohne die man keine Minute philosophisch nicht sowohl denken als schreiben kann. Der Algebraist erhascht durch das Versetzen bloßer Buchstaben Wahrheiten, die kein Syllogismus ausgraben konnte. Das tat der kritische Philosoph nach, aber mit größerem Vorteil; da er nicht Buchstaben, sondern ganze Themen geschickt untereinander mengt, so schäumen aus der Alliteration derselben Wahrheiten hervor, die er sich kaum hätte träumen lassen.

In der Philosophie ist das bloße Talent ausschließend dogmatisch, sogar mathematisch, daher intolerant; denn die wahre Philosophie wohnt nur im Menschen, der die Menschheit widerspiegelt, und er numeriert die Lehrgebäude und sagt, er wohne in Nr. 1 oder 99 oder so, indes sich der große Philosoph im Wunder der Welt, im Labyrinth voll unzähliger Zimmer, halb über, halb unter der Erde aufhält. Von Natur haßt der bloß talentvolle Philosoph, sobald er seine Philosophie hat, alles Philosophieren; denn nur der Freie liebt Freie.

Philosophie ist kein Brotstudium, sondern geistiges Brot selbst und Bedürfnis; aber man kann weder sie noch Liebe lehren; beide zu früh entmannen Leib und Seele.

Schlimm würdest du es haben, wenn du die ausgekernten, hohlen Wörter der jetzigen Philosophie als Samen zu Taten brauchen wolltest; es würde nichts Lebendiges aufgehen. Und gegen die vollblütigen Triebe, gegen die eindringenden Versuchungen würdest du an ihnen ungefähr eine Mauer haben, wie die bei Shakespeare ist, nämlich ein wenig Mörtel und ein Stein, von Peter Schnauz gehalten.

Dichtende Genies sind in der Jugend die Renegaten und Verfolger des Geschmacks, später aber die eifrigsten Proselyten und Apostel desselben, und den verzerrenden mikroskopischen und makroskopischen Hohlspiegel schleift das Alter zu einem ebenen ab, der die Natur bloß verdoppelt, indem er sie malt. So werden die handelnden und empfindenden Genies aus Feinden der Grundsätze und aus Stürmern der Tugend größere Freunde von beiden, als fehlerlosere Menschen niemals werden.

Dichter bekümmern sich wie die Heiligen wenig um die Welt und ihr Wissen; sie können den Staat besingen, aber nicht belehren.

Dichter bauen, wie die afrikanischen Völker, ihre Brotfelder unter Musik und nach dem Takte an.

Die Musik ist unter allen Künsten die rein menschlichste, die allgemeinste.

Tonkunst, die du die Vergangenheit und die Zukunft mit ihren fliegenden Flammen so nahe an unsere Wunden bringst, bist du das Abendwehen aus diesem Leben oder die Morgenluft aus jenem? Deine Laute sind Echo, welche Engel den Freudentönen der zweiten Welt abnehmen, um in unser stummes Herz, in unsere öde Nacht das verwehte Frühlingsgetön fern von uns fliegender Himmel zu senken.

Vier Priester stehen im weiten Dom der Natur und beten an Gottes Altären, den Bergen: der eisgraue Winter mit dem schneeweißen Chorhemd, der sammelnde Herbst mit den Ernten unter dem Arm, die er Gott auf den Altar legt und die der Mensch nehmen darf, der feuerige Jüngling, der Sommer, der bis zur Nacht arbeitet, um zu opfern, und endlich der kindliche Frühling mit seinem weißen Kirchenschmuck von Lilien und von Blüten, der wie ein Kind Blumen und Blumenkelche um den erhabenen Geist herumlegt und an dessen Gebet alles mitbetet, was ihn beten hört.

Man genießt von der Natur nicht, was man sieht, sonst genösse der Förster und das Genie draußen einerlei, sondern was man aus Gesehenem andichtet, und das Gefühl für die Natur ist im Grunde die Phantasie für dieselbe.

Sogar die physische Großheit, z. B. ein Berg, hat die Ferne als ein Fußgestell nötig.

Wie lebt doch der Mensch der Pflanze gleich! Die Jugend nährt sich bis zu den Jahren der Liebe und vollends in ihnen am liebsten vom Äther der Ideale, der Dichtkunst, der Wissenschaft und heiliger Träume. Das reifere und feste Alter verlangt mehr Erdboden, um da seine Bergwerke, Kornfelder, Häuser und Ställe anzulegen und durch die Welt, wie die Jugend oft aus der Welt, zu kommen. So saugt die Pflanze bis an die Blütenzeit hinein ihre Stoffe und Kräfte oben aus der Luft und aus dem Wasser, nachher aber holt sie sich alles unten aus dem Boden herauf.

Es gibt Pflanzenmenschen, Tiermenschen und Gottmenschen.

Wie man mit Lichtern zu Nacht über die Alpen von Eis reist, um nicht vor den Abgründen und den langen Wegen zu erschrecken, so legt das Schicksal Nacht um uns und reicht uns nur Fackeln für den nächsten Weg, damit wir uns nicht betrüben über die Klüfte der Zukunft und über die Entfernung des Ziels.

Wenn die Wünsche und die Lagen der Menschen sich miteinander umkehren, so klagt er doch wieder die Lagen, nicht die Wünsche an.

Alle unsere starken Gefühle regieren wie die Gespenster nur auf eine gewisse Stunde, und wenn ein Mensch immer zu sich sagte: Diese Leidenschaft, dieser Schmerz, diese Entzückung ist in drei Tagen gewiß aus deiner Seele heraus, so würde er immer ruhiger und stiller werden.

Die Entfernung des Ortes löst am Menschen, wie an Bühnendekorationen die harten Striche in Schönheitslinien und die Kleckse in Laubwerk auf; der Abwesende ist ein Toter, den unser lossprechendes Herz verklärt und der selig wird, wenn er wieder aufersteht.

Was tut der Mensch? Noch weniger als er weiß und wird.

Die Entwicklungen im Leben sind nur feinere Verwicklungen.

Bleiche Rose, die Sonne gab dir die Farbe, die glühende nimmt sie dir wieder; du gleichst uns. Wenn der Gott, der die Menschenwange glühen läßt, näher oder heißer zu uns herunterkommt, so erblaßt sie auch, und der Mensch ist entweder gestorben oder entzückt.

Ist das Leben wie eine Olive, eine bittere Frucht, so greife nur beide scharf mit der Presse an, sie liefern das süßeste Öl.

Hoffnungen sind gleichsam die menschlichen Besitzungen in der neuen Welt der Glückseligkeit.

Es ist auf der Erde schwer, Tugend, Freiheit und Glück zu erwerben; aber es ist noch schwerer, sie auszubreiten. Der Weise bekommt alles von sich, der Tor alles von andern; der Freie muß den Sklaven erlösen, der Weise für den Toren denken, der Glückliche für den Unglücklichen arbeiten.

Soll auf der ganzen Erde der Krieg aufhören, so muß sie in zwei ungeheure Staaten sich geteilt haben, davon muß der eine den andern verschlingen, und dann bleibt im einzigen Staat auf der Kugel Friede, und die Vaterlandsliebe ist Menschenliebe geworden.

Wahrlich, die Toten predigen fort; für die Wahrheit sterben, ist ein Tod, nicht für das Vaterland, sondern für die Welt. Die Wahrheit wird, wie die Mediceische Venus, in dreißig Trümmern der Nachwelt übergeben, aber diese wird sie in eine Göttin zusammenfügen, und dein Tempel, ewige Wahrheit, der jetzt halb unter der Erde steht, ausgehöhlt von den Erdbegräbnissen deiner Märtyrer, wird sich endlich über die Erde heben und eisern mit jedem Pfeiler in einem teuren Grabe stehen.

Wir Niedergesenkte, da der Mensch unter den Menschen verschwindet, müssen uns vor der Menschheit erheben.

Das Höchste und Edelste im Menschen verbirgt sich und ist ohne Nutzen für die tätige Welt, wie die höchsten Berge keine Gewächse tragen, und aus der Kette schöner Gedanken können sich nur einige Glieder als Taten ablösen.

In jedem edlen Herzen brennt ein ewiger Durst nach einem edlern, im schönen nach einem schönern; es will sein Ideal außer sich in körperlicher Gegenwart mit verklärtem oder angenommenem Leibe erblicken, um es leichter zu erstreben, weil der hohe Mensch nur an einem hohen reift, wie man Diamanten nur an Diamanten glänzend macht.

An den Menschen sind vorn und hinten wie an den Büchern zwei leere, weiße Buchbinderblätter, Kindheit und Greisenalter.

Die ersten grünen Frühlingsmonate unseres Lebens liegen in einem so dunkel-zauberischen, tiefen Tempetal, in das bloß ein blauer, griechischer Himmel ohne eine Sonne hineinscheint, daß die kleine, spielende Seele in dieser Correggionacht nur Engel, Silberpappeln, Sterne auf der Erde und vergrößerte, obwohl undeutliche Gestalten erblickt. Sogar der Inhalt der ersten Lektüre nimmt daher etwas vom Tag unserer ersten Tage an.

Die Wärme eines Mannes wird von nichts leichter verkannt als von der Wärme eines Jünglings.

O, es ist eine lächerliche und reine Zeit im frühen Jünglingsalter, wo ein Jüngling die alte französische Ritterschaft mit ihrer heiligen Scheu erneuert und wo der Kühnste gerade der Blödeste ist, weil er seine Jungfrau, für ihn eine vom Himmel geflogene, eine nach dem Himmel fliegende Gestalt, so ehrt wie einen großen Mann, dessen Nachbarschaft ihm der heilige Kreis einer höheren Welt ist und dessen berührte Hand ihm eine heilige Gabe ist. Unselig, schuldvoll ist der Jüngling, der niemals vor der Schönheit blöde war.

Es weint die Jugend, es weint das Alter; aber dort taut der Morgen, hier nur der Abend. So pries der Jüngling die schönen Tränen junger Augen. Als aber der heiße Tag den Morgentau und seine Blumen verzehrt hatte und der Jüngling ein Greis geworden war, sagte er: Wohl liegt der Abendtau trübe und kalt, eine lange Nacht durch, aber dann kommt seine Sonne, und er schimmert wieder.

Man ist schon darum in der Kindheit glücklicher als im Alter weil es in ihr leichter wird, einen großen Mann zu finden und zu wähnen; ein geglaubter großer Mann ist doch der einzige Vorgeschmack des Himmels.

Das Leben wird, wie Träume gegen Morgen, immer klarer und geordneter und rückt weiter auseinander, je länger es währt und je näher sein Ende ist. Im Alter kann es wohl keine Täuschung mehr geben, es müßten dann traurige sein.

In unserm Zeitalter stehen Abnahme des Stoizismus und Wachstum des Egoismus hart nebeneinander; jener bedeckt seine Schätze und Keime mit Eis, dieser ist selbst Eis. So nehmen im Physischen die Berge ab und die Gletscher zu.

Altes Schöne ist sanft, daher sind die schönsten Völker die ruhigsten, daher verzerrt heftige Arbeit arme Kinder und arme Völker.

Der Geist erwacht und wird erwachen, wenn das Sonnenlicht auslischt, wie Schlafende erwachen, wenn das Nachtlicht auslöscht.

In der Nacht tritt die zweite Welt in Gestalt der gestirnten Unermeßlichkeit näher an das einsame Herz und zeigt ihm in dem Tag der fremden Welten den künftigen, ewigen seiner Welt; von der kleinen Erde fallen alle Reize ab, aber die Edelsteine unseres Wesens werfen dann wie Lichtmagnete in der Finsternis einen vergrößerten Glanz. Wir gleichen der Wunderblume, die in der alten Welt nur nachts ihre Blüten auftut, weil es dann in der neuen tagt, die ihre Heimat ist. So wenig braucht unser Herz um sich, und es ist dann am größten, wenn es am einsamsten ist.

Die andere Welt ist keine gleichgeschnittene Allee und Orangerie, sondern die Baumschule unserer hiesigen Samenschule.

Wir haben die Augen mit dem Sehrohr gegen den Himmel gewaffnet, aber es ist finster und leer, und ihre Einsamkeit ist die Unermeßlichkeit. O ihr Verkehrten, wie recht habt ihr. Ihr haltet ja das Sehrohr verkehrt hinauf.

Höheren Wesen erscheinen wir vielleicht höher als uns selbst, und sie legen erst unsere Instinkte wie wir die tierischen aus. Vielleicht ist der Mensch ein Taubstummer, der eine Sprache erlernt und spricht, die er selbst nicht vernimmt, sondern nur ein anderes Wesen.

Viele Blumen tun sich der Sonne auf, doch nur eine folgt ihr immerfort. Herz, sei die Sonnenblume, nicht bloß offen sei dem Gott, sondern gehorche ihm auch.

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